Bahnhof Harburg, über dem Fernzuggleis 3
(Nähe DB-Infopoint) Hannoversche Straße 85; 21079 Hamburg
Das schlabberige olivfarbene T-Shirt hängt aus der Hose, dunkle Ränder umdie Augen, und die Schiebermütze sitzt verrutscht auf den Haaren. AlexanderGrieschat wirkt alles andere als ausgeschlafen: "Das sind noch dieAuswirkungen vom Wochenende", entschuldigt sich der 28-Jährige.
Nandor Olah, Stephan Röhler, Alexander Grieschat und Karsten Schölermann:Das neue Team im Stellwerk. Harburg.
Sobald er aber auf das neue Projekt Stellwerk zu sprechen kommt, ist er plötzlich hellwach. Der junge Mann kann nicht nur feiern. Er weiß auch,wie Partys und Konzerte organisiert werden.
Genau das will Grieschat jetzt mit seinen Mitstreitern Stephan Röhler, Nandor Olah und Carsten Schölermann den Harburgern beweisen. Das ehrgeizigeZiel des Quartetts: Sie wollen dem Jazzclub Stellwerk im Harburger Bahnhof eine Frischzellenkur verpassen. Der erste Schritt ist radikal: Sie streichen den"Jazz" aus dem Namen. Das Programm im ersten Monat zeigt bereits dieneuen Schwerpunkte: Rap, Hip-Hop, Funk. "Wir wollen aber langfristig für alle Musikrichtungen eine Bühne bieten", so Röhler.
Weg vom reinen Jazzclub, hin zu einem breiteren Publikum: "Wir sehenuns als ein Pendant zum Schanzen-Kiez und zur Reeperbahn", sagt Grieschatund verschränkt seine Arme. Seit drei Jahren organisiert das Team bereits als"Grossstatttraum" Konzerte in Clubs auf der nördlichen Elbseite. Events, die fast alle einschlugen. Erfolge, die selbstbewusst machten und zu dieser kühnen Idee führten. Statt einen weiteren Kiez-Club zu gründen, erkoren die Party-Macher Hamburgs Süden als Zentrum ihrer neuen Aktivitäten aus. Und das mit gutem Grund. Olah: "Wir hatten erfahren, dass sich der bisherige Betreiber des Stellwerks zurückziehen will. Der Laden hier direkt im Bahnhof hat eine einzigartige Atmosphäre. So etwas gibt es in ganz Hamburg nicht."
Dass die Elbe in den Köpfen vieler Hamburger als unüberwindbare Mauer wahrgenommen wird, weiß Olah am besten. Der 34-Jährige ist nicht wie diemeisten seiner Mitstreiter erst in den Hamburger Süden gezogen. Er ist in Neuwiedenthal groß geworden und lebt jetzt in Heimfeld. "Wir sind nur vier Stationen vom Hauptbahnhof entfernt", lautet einer der Werbesätze.
Ihre Zielgruppe sind nicht nur Harburger und Hamburger, sondern auch ausgehfreudige Menschen aus der südlichen Metropolregion. "Die Leutesollen wieder merken: Hier fängt Hamburg an!", sagt Olah. Grieschatergänzt mit einem Appell: "An alle Leute zwischen Stade bis Lüneburg: Zum Stellwerk sind es 20 Minuten weniger Bahnfahrt als bis zum Kiez."
Vierter im Bunde ist Carsten Schölermann: ein alter Hase in der HamburgerLivemusik-Szene. Der 52-jährige organisierte lange Jahre das Rockspektakel aufdem Hamburger Rathausmarkt, Konzerte unter anderem im "Logo", und er ist aktuell Betreiber des "Knust" an der Feldstraße unweit des
St.-Pauli-Stadions. Was ihn an dem Projekt reizt: Er will vor allem mit seiner organisatorischen Erfahrung und dem Wissen über Finanzierungs- und Steuerfragen Aufbauhilfe leisten. Sein Ziel ist, dass die "drei Kinder in ein paarJahren von diesem Laden leben können", sagt er und zeigt auf das Trio der Männer um die 30. Das würde auch bedeuten: Das Konzept ist aufgegangen.
Florian Kleist
Quelle: http://www.han-online.de/Kultur/article85700/Wir-machen-dem-Kiez-Konkurrenz.html